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Der Soldat
Kurzgeschichte

Der Soldat

Über die Abgründe des Krieges

Ein Soldat. Ein Schuss. Ein weißes Tuch, das langsam rot wird.

In Anlehnung an Rise Against – Hero of War

Kurzgeschichte
Der Soldat
Über die Abgründe des Krieges

Irgendwo im Kriegsgebiet.

Der Regen trommelte unnachgiebig. Das Pochen seines Herzens ließ alle anderen Geräusche verstummen, während er in einer Enge zwischen zwei niedrigen Häusern kauerte.

Der Kampfanzug war durchnässt. Sein Helm saß locker und rutschte unter seinen nassen Haaren umher. Die Stiefel, durchtränkt von den Schlammlöchern. Immer wieder drehte sich der Soldat um, um hinter sich zu sehen.

Das Gewehr, das er fest um seine Brust geschnallt hatte, bewegte sich stets mit ihm. Er war nach hinten nicht gedeckt und die Enge war der einzige Ort, wohin ihn seine Beine noch trugen. Sie hatten sein Leben getragen. Nun bereiteten sie ihm Schmerzen.

Der Krieg hatte einen schrecklichen Tribut von seinem Körper gefordert. Er zitterte, von Kopf bis Fuß. Sein Blick war kalt und leer. Gelbe Flüssigkeit sickerte aus seiner Hose und vermischte sich mit dem Wasser in den Schlammlöchern.

Unter dem Gewehr auf seinem Schoß lag ein durchnässter, farbiger Stoff. Er packte ihn und drückte ihn immer fester an sich. Es war seine Flagge. Die Flagge seines Landes, die er in diesem fernen Winkel der Welt zu verteidigen versuchte. Diese Flagge war der Grund für den Einmarsch in dieses Land gewesen und die Rechtfertigung für das Töten. Das jedenfalls wurde ihm gesagt — und er gehorchte.

Er zuckte zusammen. Schnelle Schritte.

Der Soldat stand auf, umklammerte die Waffe fester. Die Flagge rutschte von seinem Schoß und lag nun im Dreck. Dann erschien jemand am vorderen Eingang. Er hielt seine Waffe darauf. Es war eine Frau. Er schrie sie an. Sie schrie zurück. Er warnte sie, dringlicher diesmal. Es brachte nichts.

Sie verstand ihn sowieso nicht.

Er schoss.

Es war ein ohrenbetäubender Knall.

Das Echo verteilte sich in der Gasse. Der schlanke Körper der Frau kippte vor ihm hin. Dieses Mal war es rote Flüssigkeit, die sich mit dem Wasser in den Schlammlöchern vermischte.

Dann erkannte der Soldat, dass diese Frau ebenfalls einen Stoff in der Hand hielt. Er war weiß. Weiß wie Schnee.

Er blieb regungslos stehen und starrte nur ihre Flagge an. Dann kniete er sich hin und beugte sich langsam zu ihr. Er nahm behutsam ihre warme Hand. Er lockerte ihren festen Griff und entnahm ihr die weiße Flagge.

Der Soldat hob die Flagge näher zu seinem Gesicht. Der Stoff kratzte in seinen Händen. Der Frieden fühlte sich fremd an. Seine Hand schloss sich fester darum. Das Kratzen ging in ein Stechen über, aber er spürte, wie seine Hand sich langsam daran gewöhnte.

Zitternd tastete eine Hand seine Brust ab, nahm die Orden und Auszeichnungen ab, die er in diesem Krieg verdient hatte, und ließ sie in den Schlamm fallen.

Die Waffe schnallte er ab.

Erneut ging er in die Knie und grub mit seinen Armen tief in den Schlamm um den Körper der Frau. Er richtete sich auf und trug sie in seinen Armen davon.

Dem Krieg den Rücken zugekehrt, trat er aus der Enge hervor.

— Ende —