
Die Welt um fünf vor zwölf
Eine Geschichte über ein Kind, das durch die Dunkelheit geht — und niemanden findet, der es aufhält.
Über alle verstorbenen und namenlosen Kinder
Die Welt um fünf vor zwölf.
Dunkelheit liegt über den Menschen.
Ein kleines Kind ging durch sie hindurch, unbeeindruckt, barfuß. Die Schwärze schien für das Kind nicht zu existieren.
Seine kleinen Füße verursachten kein einziges Geräusch auf dem sandigen Boden, und das Kind hatte keinen Begleiter, niemanden, der ihm zur Seite stand. Also ging das Kind weiter. Es schaute nicht ein einziges Mal zurück und ließ nichts zurück. Auch die Schritte des Kindes hinterließen keine Fußspuren auf dem Sandboden. Ihm blieb nichts anderes übrig, als nach vorne zu schauen und weiterzugehen. Sein Name war Unbekannt.
Die Welt um vier vor zwölf.
Ein langer Steg streckte sich ins Wasser. Das Kind betrat mit seinem rechten Fuß das marode Holz, welches unter seinem Gewicht nicht einmal ächzte. Das Holz erzeugte keinen Laut. Das Kind ging immer weiter, nichts blieb zurück. Sein Name war Unbekannt.
Die Welt um drei vor zwölf.
Das Kind hatte nun mehr als die Hälfte des Stegs bewältigt. Ein warmer Wind zog auf. Er hätte sich bestimmt angenehm angefühlt. Aber er berührte das Kind nicht.
Warum auch? Er kannte es nicht.
Die Welt um zwei vor zwölf.
Das Kind erreichte das Ende des Stegs. Seine Zehen ragten über das Holz. Sein Gesicht richtete sich zunächst auf das weite Wasser, dann senkte es langsam den Kopf. Das Wasser verfinsterte sich. Das Wasser wollte das Kind nicht.
Das Kind konnte nicht anders: Es sprang.
Die Welt um eins vor zwölf.
Im Wasser sinkend wedelte es mit seinen Armen. Sein kleiner Körper rang verzweifelt nach Luft. Seine Lungen bewahrten noch sein restliches Leben auf.
Niemand kam zur Rettung. Niemand.
Außer der Tod. Er ignoriert niemanden.
So trat der Tod zum Kind, begrüßte den kleinen Körper und umarmte ihn zärtlich. Die Gliedmaßen des Kindes entspannten sich augenblicklich. Die letzten Reste Luft in der Lunge gelangten nach außen und dann spürte das Kind nichts mehr. Sein kleines Ich fühlte nichts. Der Körper des Kindes sank immer tiefer ins Bodenlose. Das Wasser sah dem Treiben des Todes nur zu.
Es half dem Kind nicht – warum auch? Es kannte es nicht.
Die Welt nach zwölf.
Die Sonne stand hoch im Zenit. Sonnenstrahlen erwärmten die Oberfläche des Wassers. Am Ufer sammelte sich eine Menschenmenge aller Art: verschiedener Herkunft, verschiedenen Glaubens, verschiedener Berufe. Sie standen alle nahe beieinander. Das Wasser hatte den leblosen Körper ans Ufer geworfen. Das Kind lag nun mit dem Gesicht im Sand. Sein Körper hatte einen bläulichen Ton angenommen.
Die Menschen taten, was Menschen immer tun: Sie sprachen über Belangloses. Dann wies einer der Menschen, ein Polizist, auf das Kind und nun sahen auch die Umherstehenden den leblosen Körper. Ihre Gespräche endeten abrupt und sie schauten betroffen. Der Polizist kniete nieder, er fasste das Kind an der Schulter und drehte es vorsichtig um. Er blickte auf das Kind:
„Nur ein weiterer Unbekannter."
Als hätte es die Unterbrechung niemals gegeben, wandten sich die Menschen wieder einander zu und taten, was Menschen immer tun.
Und während Sie diese Worte lesen, tritt ein weiteres Kind durch die Dunkelheit hindurch. Ein weiteres unbekanntes Kind, dem nicht geholfen wird, das sterben wird.